Achtsamkeit und Ungleichgewicht

Achtsamkeit, oft als bewusste und nicht-wertende Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment beschrieben, hat in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Sie wird häufig zur Stressreduktion und Gesundheitsförderung eingesetzt. In der Forschung wird zunehmend untersucht, wie Achtsamkeit mit verschiedenen Formen von Ungleichgewicht, sei es im Arbeitsumfeld oder in zwischenmenschlichen Beziehungen, interagiert.

Achtsamkeit und Arbeitsstress

Achtsamkeit kann als Schutzfaktor gegen arbeitsbedingten Stress wirken. Studien zeigen, dass Personen mit hoher Achtsamkeit weniger Stress am Arbeitsplatz erleben und gesünder sind als solche mit niedriger Achtsamkeit (Heckenberg et al., 2020). Insbesondere im Zusammenhang mit dem Effort-Reward Imbalance (ERI) Modell, das Arbeitsstress beschreibt, kann Achtsamkeit helfen, die physiologischen Stressreaktionen zu mildern (Heckenberg et al., 2020). Zudem fördert Achtsamkeit die emotionale Regulation, was zu weniger emotionaler Erschöpfung und höherer Arbeitszufriedenheit führt (Hülsheger et al., 2013).

Achtsamkeit und Work-Life-Balance

Achtsamkeit kann auch als Strategie zur Verbesserung der Work-Life-Balance dienen. Eine Studie zeigte, dass Achtsamkeitstrainings die psychologische Distanzierung von arbeitsbezogenen Gedanken und Emotionen fördern und somit die Work-Life-Balance verbessern können (Michel et al., 2014). Teilnehmer solcher Interventionen berichteten von weniger Konflikten zwischen Arbeit und Familie und einer höheren Zufriedenheit mit ihrer Work-Life-Balance (Michel et al., 2014).

Achtsamkeit und zwischenmenschliche Beziehungen

In zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere in Partnerschaften, kann Achtsamkeit helfen, wahrgenommene Machtungleichgewichte zu mildern. Achtsamkeit und sexuelle Achtsamkeit können die negativen Auswirkungen von Machtungleichgewichten auf das Beziehungs- und sexuelle Wohlbefinden abpuffern (Leavitt et al., 2023). Dies deutet darauf hin, dass Achtsamkeit nicht nur individuelle, sondern auch interpersonelle Vorteile bietet.

Herausforderungen und zukünftige Forschungsrichtungen

Obwohl die positiven Effekte von Achtsamkeit gut dokumentiert sind, gibt es auch Kritikpunkte und Herausforderungen. Die Forschung zu Achtsamkeit ist oft fragmentiert, und es besteht Bedarf an methodisch rigoroseren Studien, um die neuronalen und molekularen Mechanismen besser zu verstehen (Tang et al., 2015; Choi et al., 2021). Zukünftige Forschung sollte sich darauf konzentrieren, die genauen Mechanismen und die zeitliche Entwicklung der Effekte von Achtsamkeit zu klären (Roemer et al., 2015; Keng et al., 2011).

Insgesamt zeigt die Forschung, dass Achtsamkeit ein vielversprechendes Mittel zur Bewältigung von Ungleichgewichten in verschiedenen Lebensbereichen darstellt, sei es im Arbeitsumfeld oder in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Studien zu Achtsamkeit und Ungleichgewicht

Heckenberg, R., Hale, M., Kent, S., & Wright, B. (2020). Trait mindfulness and the Effort-Reward Imbalance workplace stress model: Higher trait mindfulness is associated with increased salivary immunoglobulin A. Behavioural Brain Research, 377. https://doi.org/10.1016/j.bbr.2019.112252

Michel, A., Bosch, C., & Rexroth, M. (2014). Mindfulness as a cognitive–emotional segmentation strategy: An intervention promoting work–life balance. Journal of Occupational and Organizational Psychology, 87, 733-754. https://doi.org/10.1111/JOOP.12072

Tang, Y., Hölzel, B., & Posner, M. (2015). The neuroscience of mindfulness meditation. Nature Reviews Neuroscience, 16, 213-225. https://doi.org/10.1038/nrn3916

Roemer, L., Williston, S., & Rollins, L. (2015). Mindfulness and emotion regulation. Current opinion in psychology, 3, 52-57. https://doi.org/10.1016/J.COPSYC.2015.02.006

Leavitt, C., Price, A., Smedley, D., Eyring, J., Yorgason, J., & Holmes, E. (2023). The Power of Mindfulness: Examining Power Imbalances, Mindfulness, and Couples’ Relational and Sexual Well-Being. Journal of Sex & Marital Therapy, 50, 18 – 34. https://doi.org/10.1080/0092623X.2023.2243929

Choi, E., Gruman, J., & Leonard, C. (2021). A balanced view of mindfulness at work. Organizational Psychology Review. https://doi.org/10.1177/20413866211036930

Hülsheger, U., Alberts, H., Feinholdt, A., & Lang, J. (2013). Benefits of mindfulness at work: the role of mindfulness in emotion regulation, emotional exhaustion, and job satisfaction.. The Journal of applied psychology, 98 2, 310-25. https://doi.org/10.1037/a0031313

Keng, S., Smoski, M., & Robins, C. (2011). Effects of mindfulness on psychological health: a review of empirical studies.. Clinical psychology review, 31 6, 1041-56. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2011.04.006