Achtsamkeit und Unpersönlichkeit (Nicht-Selbst)

Achtsamkeit, ein zentraler Bestandteil der buddhistischen Philosophie, ist eng mit dem Konzept des Nicht-Selbst (Anatta) verbunden. Diese Praxis zielt darauf ab, die Illusion eines festen Selbst zu überwinden, was als Wurzel menschlichen Leidens angesehen wird. In der modernen Psychologie hat das Konzept des Nicht-Selbst jedoch nicht die gleiche grundlegende Rolle eingenommen.

Verbindung von Achtsamkeit und Nicht-Selbst

In der buddhistischen Philosophie führt die Praxis der Achtsamkeit zur Erkenntnis des Nicht-Selbst, was als Mittel zur Befreiung von Leiden und zur Erreichung psychologischen Wohlbefindens angesehen wird. Diese Perspektive wird in der zeitgenössischen Achtsamkeitspraxis oft vernachlässigt, obwohl sie ursprünglich ein zentrales Ziel der Achtsamkeit war (Giles, 2019).

Paradoxe der Achtsamkeit

Achtsamkeit beinhaltet mehrere Paradoxe, darunter das Spannungsfeld zwischen Selbstfokus und Nicht-Selbst. Diese Paradoxe sind wichtig für Praktizierende und Lehrende, da sie die Komplexität und die tiefere Bedeutung der Achtsamkeitspraxis verdeutlichen (Shapiro et al., 2018).

Auswirkungen auf Individuen mit unterschiedlicher Selbstregulationsfähigkeit

Studien zeigen, dass Achtsamkeit bei Personen mit geringer Selbstregulationsfähigkeit (state-oriented) zu einer Entfremdung vom Selbst führen kann. Diese Personen zeigen eine geringere Konsistenz in Präferenzurteilen und neigen weniger dazu, intrinsische Ziele zu verfolgen. Bei Personen mit hoher Selbstregulationsfähigkeit (action-oriented) tritt dieser Effekt nicht auf, was darauf hindeutet, dass Achtsamkeit für psychologisch verletzliche Menschen potenziell nachteilig sein kann (Thakur & Baumann, 2024).

Achtsamkeit und Nicht-Selbst in der Gesamtschau

Die Praxis der Achtsamkeit ist komplex und vielschichtig, insbesondere in Bezug auf das Konzept des Nicht-Selbst. Während sie in der buddhistischen Tradition als Mittel zur Überwindung des Selbst angesehen wird, zeigt die moderne Forschung, dass ihre Auswirkungen je nach individueller Selbstregulationsfähigkeit variieren können. Es ist wichtig, diese Unterschiede zu berücksichtigen, um die Achtsamkeitspraxis effektiv und sicher zu gestalten.

Studien zu Achtsamkeit und Nicht-Selbst

Giles, J. (2019). Relevance of the no-self theory in contemporary mindfulness.. Current opinion in psychology, 28, 298-301. https://doi.org/10.1016/J.COPSYC.2019.03.016

Shapiro, S., Siegel, R., & Neff, K. (2018). Paradoxes of Mindfulness. Mindfulness, 9, 1693 – 1701. https://doi.org/10.1007/s12671-018-0957-5

Thakur, N., & Baumann, N. (2024). Mindfully missing myself: Induced mindfulness causes alienation among poor self-regulators. PLOS ONE, 19. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0303505